Zwischen Bratwurst und Koriander

Das Fest ist kaum eröffnet, schon sind fast alle Biergarnitur-Plätze belegt. Die Besucher essen Gerichte mit Namen wie „Briani“, „Chakni“ oder „Qabeli“ und bekommen von den Bewohnern geduldig erklärt, was in den exotischen Gerichten steckt. Während die Kinder auf dem neu eröffneten Spielplatz schon längst zusammen spielen, obwohl sie oft nicht die selbe Sprachen sprechen, bricht das afghanisch-nigerianische Büffet auch bei den Erwachsenen endgültig das Eis: Das Näher-Zusammenrücken und Diskustieren über Gewürze und Zubereitung zeigt vor allem eines: Eine große Neugierde auf die Lebenswelt der Heimbewohner.

Asylbewerberheim

An diesem Sonntag ist Tag der offenen Tür im Asylheim Zusamaltheim, der erste Tag der offenen Tür des Hauses. Vor rund einem Jahr wurde das Asylheim wegen der steigenden Flüchtlingszahlen wiedereröffnet. Seitdem wohnen vor allem Familie in dem alten Wirtshaus im Zusamaltheimer Dorfkern. Die rund 40 Bewohner haben tagelang gekocht und gebacken, Bierzeltgarnituren geschleppt und überlegt, wie sie die Dorfbewohnern am besten empfangen können. „Herzlich willkommen“ zieht sich durch den Nachmittag wie der Geruch von Kichererbsen und Koriander.

„Leute hatten mich immer wieder gefragt, wie sie das Asylheim unterstützen und wie sie mit den Bewohnern in Kontakt treten könnten“, erklärt Gertrud Englisch. Der Tag der offenen Türe war ihre Idee. Zusammen mit sechs ehrenamtlichen Helfern organisierte sie monatelang, um ein Fest der Begegnung zu schaffen, das die Hemmschwelle nimmt. „Im Internet fanden wir kaum Mitstreiter. Durch den persönlichen Kontakt vor Ort ist die Resonanz viel größer“, erzählt sie während der nigerianischen Junge Ashley selig auf ihrem Schoß sitzt. An diesem Tag sprechen sie immer wieder Leute an, wie sie spenden können und bieten ihre Hilfe an.

Viele Unterstützer reihen sich an diesem Nachmittag um die Holztische: Bettina und Johannes Strodl, die im Asylheim Deutsch unterrichten, Besucher wie Bürgermeister Grob, Horst Wagner von der Regierung Schwaben, Vertreter der muslimischen Gemeinde, der evangelischen und katholischen Kirche. Lehrer und Kindergärtnerinnen sind gekommen, um zu sehen, wie die Bewohner leben, ebenso wie ein Teil des Fußballvereins.

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Die Bewohner zeigen nicht nur ihre Zimmer und ihre kulinarischen Köstlichkeiten. Neben dem Kaffeestand steht ein gold-schillernder Fußballpokal. Mahmud, Sharifi Janead Elahifar und Mostafa Gasemi hatten ihn erst vor kurzem gewonnen. „Irgendwann sind sie einfach hochgekommen und wollten mitspielen“ erzählt Erich Wieland, der die Jungs am Anfang mit-trainierte. Das ist rund ein Jahr her. Seitdem versucht ein Teil des Vereins die drei Afghanen zu integrieren, beantragt Spielerpässe, leiht Sportklamotten und bezahlt auch mal Fußballschuhe aus der eigenen Tasche. Fußball, das war eine Sprache, die die afghanischen Bewohner sofort verstanden – anders als das schwierige Deutsch in der Schule. Nachdem sich die Jugendlichen am Anfang oft nur mit Händen und Füßen verständigten, wurde das Deutsch mit der Zeit hörbar besser. „Es ist schön ihnen durch Fußball eine Chance zu geben“, sagt Erich Wieland.

„Ich brauche kein Geld, ich brauche Menschen, mit denen ich reden kann“, meint Zafar Moradi. Er ist seit knapp eineinhalb Jahren in Deutschland. Während des Tages bekommt er immer wieder gesagt, dass sein Deutsch hörbar besser geworden ist, trotzdem:„Der Dialekt ist schwierig“. Viele der interessierten Besucher, die er durch die Gebäude führt, strengen sich an, möglichst deutlich, langsam und dialektfrei zu sprechen. „Es ist so wichtig, dass die Bevölkerung sich bemüht, aber auch die Bewohner Deutsch lernen wollen“, sagt die Nachbarin Klara Popp. Die Sprache nennt sie „den Schlüssel“ für jeden Kontakt.

Asylbewerberheim

Durch solche Gespräche und dem gemütlichem Zusammensitzen haben die Besucher heute vielleicht ein bisschen mehr gemerkt, mit welchen Problemen die Bewohner konfrontiert sind: Es ist eben nicht nur der Warten auf den Asylbescheid, sondern vor allem die Hürde mit jemand zu sprechen, deren Lebenswelt man nicht kennt und dessen Sprache nicht spricht. Eine Hürde, die mit diesem Mittag ein wenig kleiner gemacht wurde. „Ich komme mal wieder vorbei“, sagt Klara Popp zu Zafar zum Abschied.

 

 

 

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