Wo Kinder lernen auf eigenen Beinen zu stehen

Rabin Nepali sitzt mit überschlagenen Beinen in seinem Baumbussessel inmitten seiner spielenden Kinder. 40 sind es, um genau zu sein. So viele nennen ihn auf jeden Fall „Vater“ oder manchmal „Onkel“. Acht Jahre hatte er als Lehrer in Kathmandu gearbeitet. Dann wurde er SOS Kinderdorf-Leiter und Vater, 24h rund um die uhr.

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Viele nennen ihn Vater: Rabin Nepali ist Leiter eines SOS Kinderdorfs.

Rabin Nepali ist der Leiter eines der neun SOS Kinderdörfer in Nepal. Die Vision der Organisation ist über den Globus erstreckt die gleiche: Jedes Kind braucht eine Familie. Bevor man ein Kind aus seinen Verhältnissen reißt kümmert sich die Organisation darum, wie sie den zerrütteten Familien helfen kann. Außer den Familien– Förderungsprogrammen haben sich die SOS Kinderdörfer eine ganze Bandbreite an Unterstützungen auf die Fahnen geschrieben: Schulen, Gesundheitsvorsorgen, Jugendhilfe, Sprachtraining oder Kindergarten. Die letzte Stationist das SOS Kinderdorf. Hier kommt ein Kind nur her, wenn es gar keine andere Alternative gibt.

Dass Rabin Nepalis SOS Kinderdorf der Worst–Case–Fall sein soll, glaubt man kaum. Das 1981 erbaute SOS Zentrum gleich einer Oase in der sonst so menschenüberfluteten Nepalesischen Hauptstadt. Nicht einmal das ständige Hupen von Kathmandus Straßen durchdringt die rostbraunen Mauern. Die Kinder sammeln sich in dem von Blumen umsäumten rasen. Ihre bunt angemalten Holzkrücken liegen im knöchelhohen Rasen während sie spielen. Diese 40 Kinder haben Glück gehabt. 

“Das Trauma bleibt vor der Tür”

Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt. Laut internationalen Schätzungen gibt es rund 1.500 Waisenkinder alleine in Kathmandus Straßen. Jedes zweite Kind leidet aufgrund von Mangelernährung an Untergewicht. Nur ein Teil der Bevölkerung hat Zugang zu Bildung – die Einschulquote schwankt zwischen 30 und 80 Prozent. „Wir wollen die Kinder aus Not und Armut herausholen. Nur die Kinder kommen hier her, die Trauma bleiben vor dem Tor“, sagt Rabin Nepali mit einem sanften Lächeln.

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Menschen mit Behinderung, sonst oft am Rande der Gesellschaft, finden im Kinderdorf eine neue Familie

Hier bleiben die Waisenkinder bis sie 18 Jahre alt sind und in die Gesellschaft integriert werden können. Die meisten von ihnen sind auf Grund von Behinderungen auf spezielle Pflege angewiesen. Eine Pflege, die die eigenen Eltern vor allem in der ländlichen Gegend, oft nicht aufbringen können. Nur die wenigsten Kinder haben noch Eltern. Neben medizinischer Hilfe und Einrichtungen für ihre Behinderung bekommen sie, was laut der Überzeugung der SOS Kinderdörfer das wichtigste ist: Eine neue Familie. Mit einer Pflegemutter und jeweils sieben Geschwistern leben sie in einem der fünf großen Häuser, die wie in einem Dorf um den gemeinschaftlichen Garten angeordnet sind.

 „Ich mag es hier. Ich habe die Einrichtung, die ich brauche und fühle mich geliebt“, sagt der 12-jährige Dinesh. Er kam mit drei Jahren nach Jorpati weil er mit seiner Behinderung auf dem Land nicht leben konnte. „Ich brauchte Stunden zur Schule weil ich kaum laufen konnte“ erzählt der Junge, dessen Beine geformt waren wie eine Schere. Sein Vater hatte kein Geld für den Gehbehinderten und schickte ihn fort. In der ersten Zeit weinte Dinesh viel und vermisste seinen Vater und seine Geschwister. Heute sagt er habe er sogar drei Schwestern und vier Brüder mehr, die mit ihm im Haus Nummer fünf wohnen. Im SOS Kinderdorf lernt er nicht nur zu gehen sondern auch ehrgeizig zu lernen. Wie Dinesh wissen die meisten Waisenkinder, wie essentiell Bildung ist. An den Wänden hängen in goldenen Rahmen Bilder von Bachelor Absolventen, die ehemals hier gelebt haben. „Mit guter Schulbildung haben die Kinder auch nach den SOS Kinderdörfern Chancen in der  Gesellschaft“, betont Rabin Nepali.

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Am wichtigsten für die Kinder in der Einrichtung: der Schulabschluss

 

Sieben von neun SOS Kinderdörfern in Nepal haben eine Schule.  Der Leiter des Zentrums und seine Mitarbeiter kämpfen noch dafür. „Wir bekommen keine einzige Rupie von der Regierung. Die hat genug andere Probleme in Nepal“, erklärt der Leiter des SOS-Dorfes. Besonders in diesem SOS Kinderdorf, wo meist Kinder mit physischer oder geistiger Behinderung leben, bräuchte es dennoch dringend eine Schule: „Vor oder nach Operationen sind die Kinder meist außer Gefecht gesetzt und können lange Zeit nicht in die Schule gehen. „Ein Lehrer vor Ort würde ihnen helfen mit dem Stoff trotzdem mitzukommen“, erklärt Rabin Rabin.

Der Leiter des SOS Kinderdorfes hat große Hoffnungen in seine Kinder. Allen voran Dinesh. Er sollte am besten Anwalt werden oder Politiker, weil er so couragiert sei. Als Vizepräsident einer Schülerorganisation setzt Dinesh sich für eine behindertengerechte Einrichtung und mehr Toleranz ein, organisiert Projekte und Schulfeste. Aber der Junge hat ganz andere Vorstellungen: Er will Arzt werden, um später anderen Kindern zu helfen auf eigenen Beinen zu stehen.

Dinesh möchte Arzt werden. Um anderen Kindern zu helfen.

 

 

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