Versteckspiel: offline und online

Indonesien Bisher galt das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt als tolerant. Doch jetzt müssen Homosexuelle um ihre Rechte fürchten.

Der Artikel erschien in der Print-Ausgabe 10/17 des Freitag.

„Wegen den Bules lebe ich hier“, sagt April und rührt in seinem Milchcafé, der so westlich wirkt, wie der Einfluss der Touristen in Balis kultureller Hauptstadt Ubud. „Bules“, das seien die „Weißen“. Sie würden diesen Teil von Indonesien etwas toleranter machen, erklärt der 25-Jährige. Die Bäckerei, in der er seine Freundin trifft, ist voller „Bules“.Der junge Mann in blau-grauem Kaputzenpulli scrollt auf seinem Smartphonebildschirm. Dann zeigt er seiner Freundin das Bild einer Frau mit rot-gefärbten Korkenzieherlocken und verlängerten Wimpern. Sie kichern und es wirkt, als würden sie sich über die selbstdarstellerische Selfiepose der jungen Frau lustig machen. Wäre die Person auf dem Foto nicht April selbst.

April ist ein „ladyboy“, in Indonesisch auch „Waria“. Er sieht sich als Frau und er schläft mit Männern. Manchmal nimmt er dafür auch Geld, eigentlich aber ist es „ein Spiel“ für ihn: Der 25-Jährige hat zwei Facebookprofile, zwei Namen, zwei Identitäten. Tagsüber arbeitet er als Friseur in einem Spa. Er frisiert Frauen, tuscht ihnen die Wimpern und lackiert Fingernägel – „stellvertretend“, denn schminken darf er sich selbst nur nachts. Mit Ladenschluss legt er sich eine Maskerade an Make-up an und wird „April“, eine Rolle, die offline nur in ein paar wenigen Schwulenclubs auf Bali existiert, existieren darf.

Nur online zeigt sich April in seiner Rolle als Frau

Nur online zeigt sich April in seiner Rolle als Fra

Online schaffen sich Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT) nicht nur einen parallelen Existenzraum. Über soziale Dienste wie „Grindr“ vernetzte sich die Gemeinde – bis im September die Regierung viele der populärsten Apps für LGBT sperrte. „Über Grindr hatte ich die Möglichkeit, einen zukünftigen Ehemann, einen Freund oder Verbündete zu finden“, sagt April enttäuscht.

Konservative Strömungen innerhalb der politische Elite versuchen anscheinend, die LGBT-Gemeinschaft dort anzugreifen, wo sie am stärksten ist: im global-vernetzten Social Web. Die Attacke ist gegen die Identität der LGBT gerichtet, die sich durch das Internet zwar der staatlichen Kontrolle, nicht aber der gesellschaftlichen Stigmatisierung entziehen kann. Die Schwulenfeindlichkeit ist mittlerweile bis auf den Smartphonebildschirmen der LGBT angekommen. Sie hätte seit 2016 eine neue Dimension angenommen.

 Ein Schlag gegen die Meinungsfreiheit, laut HRW.

Vorher ein fast unbekanntes Akronym, füllte der Diskurs um die LGBT-Szene in den folgenden Monaten die Medien. Alleine in der „Republika“ erschienen 200 Artikel zum Thema. Die Studie „LGBTI. Media Coverage and Community Media Mapping “ spricht von einem „Meinungskrieg“.

Im Februar forderte der Ulema Rat (MUI), eine muslimische Dachorganisation, erstmals ein Verbot von LGBT-Aktivitäten. Im selben Monat traf die Rundfunkkommission zu einem Treffen zusammen. Das Ziel: jegliche Darstellungen aus der Medienlandschaft zu bannen, „die Kinder und Jugendliche dazu anstiften können, schwul oder lesbisch zu werden“.

Im Dezember schrieb die Jakarta Post, dass künftig keine Transgender, Transvestiten oder Homosexuelle in den Medien zu sehen sein werden. Zuvor nur die „Anstiftung“, sollte mit einer neuen Klausel im nationalen Rundfunkgesetz jegliche Art von LGBT-Darbietung strafbar werden. Noch seien die Dekrete nicht voll geltend. Trotzdem seien sie ein „Schlag“ auf die Meinungsfreiheit des Landes, so Kyle Knight, HRW Forscher in Indonesien. Die Verordnungen konstruieren Informationen über LGBT als „schädlich“ und „Propaganda“.

Die pathologische Rhetorik um seine Liebe zu Männern machte Hendri Yulius sauer. Ein paar Monate später, im Exil in Singapur, nennt der Forscher die Medienverordnung „haltlos“. Yulius, schwarze Hornbrille und Grübchen, ist Dozent für Geschlechterstudien an der Universität Sydney und Autor des Buches „Coming Out“.

“Sei kein Baci”

Während in seinem Land die Forderung nach einer Kriminalisierung wächst, schreibt er einen Brief an den Bildungs- und Kulturminister Anies Baswedan, der in der Huffington Post erscheint. Darin beschreibt Yulius seine Jugend, in der er von seinen Schulkameraden angepinkelt und gemobbt wird. Sie nennen ihn „Baci“, eine diffamierende Bezeichnung für „eine Mann, der sich kleidet wie eine Frau“, oder auch „Pussy“. In Indonesien sagt man „sei kein Baci“ und meint damit beides: ängstlich und feminin.

Den Brief schickte Yulius nie ab. „Ich hatte Angst“, sagt er im Skype Interview. Gestikulierend beschreibt er, wie er die Lage für LGBT in Indonesien sieht. Bei dem Wort „Freiheit“ wird sein Gestik bildfüllend: Freiheit sei es, öffentlich die eigene sexuelle Orientierung zu leben. Den Partner seiner Wahl zu heiraten. Indonesien sei von einer Kultur des „Coming Outs“ weit entfernt.

 „Das Besonders seit diesem Jahr ist, dass die Attacken gegen LGBT vor allem aus der Zivilgesellschaft kommen“, beschreibt Yulius. Am äußeren rechte Ende der Debatte steht die Organisation „Family Love Alliance“ (AILA), in Yulius Worten: „Eine muslimische Gruppe bestehend aus Müttern, die sich um die soziale Struktur Indonesiens sorgt“.

Die Vereinigung fordert die Kriminalisierung von Homosexualität und platziert abweichende sexuelle Orientierung in den selben Paragraph wie Pornografie, Pädophilie und Vergewaltigung. Bewusst spielen sie zwei Menschenrechte gegeneinander aus: das Recht auf eine unversehrte Kindheit und das Recht auf Nicht-Diskriminierung. AILA möchte sich selbst nicht zu ihrer Forderung äußern, oder was diese im Detail bedeuten, seitdem viel über die Organisation berichtet und Aussagen falsch wiedergegeben wurden.

Es ist nicht die erste Forderung nach einer Kriminalisierung .Neu aber ist, dass die feindliche Rhetorik in konkrete, rechtliche Schritte übergangen ist. Ein Jahr zuvor tritt in der muslimischen Provinz Aceh ein Gesetz in Kraft, nach dem gleichgeschlechtlicher Sex mit 100 Peitschenhieben bestraft wird. Das Verfassungsgericht berät derzeit über eine Fall, nach dem gleichgeschlechtlichen Sex das erste Mal national kriminalisieren könnte, erklärt Kyle Knight von HRW. Er spricht von einer diskriminierenden Anti-LGBT Kampagne der Regierung, die von militanten, muslimischen Gruppierungen geleitet sei.

 ”Eine Bombe die über Jarkarta fällt”

LGBT passe nicht in das religiöses Weltbild – das ist nur eines der Anti-LGBT-Argumente, die in den Medien kursieren. In einer Auswertung der Massenmedien vom letzten Jahr destillierte die Organisation Partnership for Governance Reform vier weitere Argumente: die Abweichung sei krankhaft, LGBT-Aktivisten seien staatsgefährdend, kriminell und eine potentielle Gefahrengruppe. LGBT, durch seine plötzliche Popularität, wirkt bedrohlich. Im Februar äußerte der Außenminister, die Freiheit, die sich LGBT Aktivisten mittlerweile einfordern, sei „ein Atomkrieg, „eine „Bombe, die über Jakarta fällt“ und „gefährlich“. Es sei die Angst der politischen Elite vor westlichem Einfluss, die stellvertretend auf die LGBT Gemeinschaft übergeht, so beschreibt es Yulius. Regierungsvertreter sprechen währenddessen von einer „imperialistischen LGBT Invasion“, befeuert durch Social Media.

Das soziale Netz ist für Yulius ein „zweiseitiges Schwert“: einerseits verstärke es homophobe Tendenzen. Twitter sei voll Hasspredigt und Propaganda. Andererseits sei das Internet ein sicherer „anti-nationaler Raum“, in dem sich die Gemeinschaft vernetzen könnte. Onlineaktivismus sei unter den Radar der Regierung und konservativen Gruppen gerutscht, schreibt Yulius in einem seiner Blogs. In Klammer fügt er hinzu „fast immer“. Unter dem Vorwand gegen Kinderprostitution vorzugehen, rechtfertig die Regierung nun auch den Eingriff auf soziale Medien und übt dabei immer mehr Druck auf multinationalen Unternehmen aus, wie Facebook und Google.  Im Oktober berichtet die Jakarta Post, dass ein schwules Pärchen verhaften wure, nachdem sie ein gemeinsames Bild auf Facebook posteten.

„Man sieht keine LGBT mehr im öffentlichen Raum“

In dem Café im hinduistisch geprägten Ubud wirken die politischen Attacken gegen LGBT noch fern, nicht aber der soziale Druck: „Die Regierung definiert was normal ist“, so April, daraus resultiere die gesellschaftliche Stigmatisierung. Nach einer Studie der Organisation Anus Pelangi hätten 80% der befragten LGBT in ihrem Leben psychische Gewalt erfahren, knapp die Hälfte sogar physische. „Man sieht keine LGBT mehr im öffentlichen Raum“, flüstert April. Seit er von der Rolle der Regierung spricht, in seine Stimme leiser geworden. Doch noch mehr als die Repressionen der Regierung fürchtet er sich vor den Blicken auf der Straße.

Eines Tages schrie sein Nachbar ihm hinterher: „besser du stirbst, wenn du nicht du selbst sein kannst“. Dabei war April an diesem Tag genau das: er selbst, in der Kleidung einer Frau. Auf die Frage, ob sein Doppelleben nicht anstrengend sei, antwortet er mir: „ich kenne es nicht anders“. An den Wunsch, einmal seinen Partner heiraten zu können, denkt er nur noch selten. Es ist die resignierte Grundhaltung der LGBT-Szene, die sich zurückgedrängt fühlt, zurück in das Versteckspiel – offline und seit letztem Jahr auch online.