Unabhängigkeitsstreben in blau-gelb

In der Ost-Ukraine herrscht Krieg, in der westukrainischen Stadt Lviv Jahrmarktsstimmung.

Seifenblasen schweben über den Theaterplatz. Verkäuferinnen reichen Plastikspielzeug in gierige Kinderhände. Es riecht nach Popcorn und gebrannten Mandeln. Müde dreht sich ein rosafarbenes Karussell zu Polka-Musik. Doch eines stört die fröhlich-bunte Szenerie wie ein klaffender Photo-Shop-Faux Pax: Eltern fotografieren ihre Kinder vor Kriegspanzern. Einschusslöcher, Kriegsgeräte und Gedenktafeln erinnern die Passanten daran, dass hier nicht ohne Grund gefeiert wird. Nationalhelden seien es, die in 1300 Kilometer Entfernung für die langersehnte Unabhängigkeit ihres Landes kämpfen.  Am selben Tag zählt die UN das achttausendste Todesopfer des Ukrainekonflikts. 6_Ukraine_storiesof

 

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Berlin, 2014. Mit wehenden Ukraine- und Europa Flaggen schreiten Demonstranten vom Potsdamer Platz Richtung Brandenburger Tor. Demokratie, Freiheit und Bürgerrechte fordern die Plakate. Es sei Zeit, dass die Ukraine einen Schritt auf Europa zu macht. Mit Blumen in den Haaren, geflochtenen Zöpfen und Nationalblusen marschieren rund 100 Demonstranten durch die vereisten Straßen. Es sind weniger gekommen, als erwartet. Kein Wunder, es ist kalt. Immer mehr schleichen sich von der Menschenansammlung um die Ansprache vor dem Bundestag weg. Fröstelnd aber zuversichtlich.

Knapp eineinhalb Jahren später weht die ukrainische Flagge in jedem Auto, begleitet jede Bus und Taxifahrt in weiten Teilen der Ukraine. Dörfer und Städte sind in die Nationalfarben gelb und blau getaucht. Die Regierung Poroschenko hat Brückengeländer, Läden und kahle Wände in den Farben der Flagge streichen lassen. Das ukrainische Emblem ziert Kinderpullis, baumeln von Schlüsseln und schmückt Hochzeitstorten. Die Ukraine ist ein eine neue Form Nationalstolz gehüllt, die Nadya als subtile Bürgerrevolution bezeichnet. “Die Krise kam auf einen Schlag und keiner, weder Politiker noch Zivilgesellschaft waren darauf vorbereitet”, sagt sie und steckt sich die zweite Zigarette in Folge an. Nach der Orangenen Revolution wären alle müde und resigniert gewesen. Sie inbegriffen. Jetzt seien die Leute wieder erwacht. “Sie zeigen, dass die Ukraine unabhängig sein soll. Nicht mit Gewalt, sondern mit Nationalstolz”.

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Nadya ist Aktivistin und Journalistin. Unter dem Pseudonym Kira Kira Kowalski schreibt sie sozialkritische Artikel. Zu Beginn de Konflikts arbeitete sie für das rote Kreuz, später als Kampagnenhelferin einer großen ukrainischen Partei. Sie wollte einen Platz ganz vorne, zwischen “Frustration und Optimismus”. Hauptsache dabei die Ukraine neuzuformen. “Die Ukraine war immer abhängig von anderen Supermächten. Dabei haben wir das Potential. Jetzt ist es Zeit für eine wirkliche Unabhängigkeit zu kämpfen”, sagt sie während sich eine tiefe Falte zwischen ihre Augenbrauen gräbt. Der Zweifel bleibt. Während die politische Forderungen einer jüngeren Generation vor eineinhalb Jahren Richtung Europa gerichtet war, steht jetzt die völlige Unabhängigkeit im Mittelpunkt. “Wir wollen nicht als billige Arbeitsplätze für Europa abgespeist werden. Wir sind nicht bedürftig”. Präsdient Poroschenko sei das beste Übel. Doch viel Hoffnung in die Politik hat sie nicht, “alles nur Rhetorik”. Jetzt müsse etwas von der Bevölkerung kommen. Ein Statement für die Unabhängigkeit. Wehende Flaggen, wenn es sein muss.

“Wladimir Putin hat der Ukraine immer wieder die Staatlichkeit abgesprochen, die Ukraine sei keine Nation. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet er bei der Stärkung dieser Nation geholfen hat.” - ALICE BOTA, Zeit Online

“Sick” nennt Anya den offensichtlichen Patriotismus rund 1000 Kilometer weiter, im Osten der Ukraine. Auch sie schwang anfangs die ukrainische Fahne als Ausdruck einer vermeintlichen Einheit, für die sie heute keine anderen Worte als “Propaganda” übrig hat. Es gibt für sie keinen Grund mehr patriotisch zu sein. Ihr “Vaterland” verlor sie mit der Krim-Annexion. Nie wieder würde sie einen Fuß auf das Gebiet setzen, in dem sie geboren wurde, in die Schule ging und wo ihre Freunde herkommen, waren, denn wie Anya zog ein Großteil der jungen Menschen weg, als Protest gegen die Einnahme der Krim durch Russland. Der UN Flüchtlingsrat beziffert die Zahl der IDPs, Internally Displaced Persons, auf rund 20.000. Die NGO NGO Crimean Diaspora schätzt, dass sogar bis zu 60.000 Personen seit 2014 die Krim verlassen hätten.

Anyas Mutter wartet seit dem vergeblich, dass ihre einzige Tochter nach Hause kommt. Sie hält sich lieber in der “wirklichen” Ukraine auf. In der Nähe von Poltava besucht die Aktivistin Freunde auf dem Land. Hier, eine fünfstündige Busfahrt von Kiev entfernt würden sich die Leute kaum noch die Frage stellen, was im Dickicht an politischen Ereignissen richtig oder falsch ist: “Hier gibt es keine Studenten, keine Kultur des Hinterfragens. Die Leute hier auf den Dörfern lassen sich auch mit den Parolen nach Einheit und Unabhängigkeit instrumentalisieren”. Eine allgemeine Wehrpflicht gibt es nicht. Freiwillig melden sich junge Leute vom Land, um die Armee an der Grenze zur Ostukraine zu unterstützen, für “ihr Vaterland zu kämpfen”. Die Heroisierung des Kampfes ist nicht zu überhören.”Noch werden die Soldaten wie Helden verehrt”, sagt Anya spöttisch, “doch im Grunde verheizt die Regierung eine leicht zu beeinflussende, junge Generation an der Front und lässt sie danach im Stich”.

Die junge Aktivistin wartet nur noch auf ihren Pass, um mit einem One-Way-Ticket nach Berlin zu fliegen. Als Russland die Krim einnahm, ließ die Ukraine sie im Stich. Entgegen eines aufbegehrenden Nationalstolzes, dreht sie nun der Ukraine den Rücken zu. Resigniert.

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Auf Dorfplätzen zieren auf Tafeln die Fotos gefallener Soldaten (Oktober, Babyn)

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*Die Namen der Protagonisten wurden geändert