Schwelbrand in Moria

Flüchtlingskrise Schon lange warnen Organisationen, Journalisten und Behörden vor Ausschreitungen im überfüllten Flüchtlingslager Moria. Warum der Brand nicht überrascht.

Dieser Text erschien in des Tageszeitung Neues Deutschland am 29. September

Wie ein Boxer nach dem Kampf sitzt Mohammed Qasim auf seinem Plastikstuhl. Zurückgelehnt pafft er Rauchwolken seiner Shisha in die Mittagshitze. Es riecht nach Bratfett und Urin vor den Toren Morias. Das Flüchtlingslager auf der Insel Lesvos gehört zu den größten in Griechenland. Wer es nach einer Frist von 25 Tagen verlassen darf, hält sich außerhalb des Camps auf.

Entlang der Straße zur Hauptstadt Mythelini hat eine Gruppe Geflüchteter eine lokale Wasserleitung gekappt. Die Wasserfontäne dient als improvisierte Dusche. Seit zwei Tagen gibt es kein fließend Wasser mehr, berichtet Mohammed. Nichts neues. Manchmal bliebe das Wasser aus der Leitung für eine ganze Woche weg. Entlang der vier Meter hohen Maschendrahtzäune sitzen Geflüchtete um Essensstände. Es gibt Falafel und Brathähnchen. Essen, das mehr nach Heimat schmeckt, als die massenproduzierten Portionen der griechischen Armee.

„Was sie uns geben, essen nicht einmal die Hunde“, klagt Mohammed mit und verzieht sein Gesicht. Dass es Beruhigungsmittel enthält ist eines der vielen Gerüchte in Moria „um uns ruhig zu stellen“, behauptet der Iraker und dippt seine Pommes in rosafarbenes Ketchup.Seine Hand ist bandagiert seit der Massenschlägerei letzte Nacht. Fast täglich käme es zu Auseinandersetzungen: zwischen den verschiedenen Nationen, der Polizei und Protestierenden und oft genug prallt die Frustration von allen Seiten zusammen.

„Wir kämpfen, weil uns sonst keiner zuhört“, sagt Mohammed, „die Polizei schützt uns nicht, wir müssen uns selbst wehren“. Dann zieht er sein Smartphone aus der Hosentasche. Ein zwei Zentimeter großer Einstich zieht sich über den Bildschirm Bildschirm. Das Handy in seiner Hosentasche war vor ein paar Tagen der einzige Schutz vor der Messerattacke. Eine Woche später brennt Mohammeds Zelt und rund 60 Prozent des Flüchtlingscamp ab.

 

„Es war nur eine Frage der Zeit“

Es ist nicht das erste Mal, dass es in Moria brennt. Frustration, Überfüllung und die Abwesenheit von verlässlichen Informationen, hatten immer wieder gewaltvolle Ausbrüchen provoziert. Der Brand am 19. September war laut Nachrichtenagentur ANA eine Verkettung von Spannungen, die sich angestaut hatte, über den ganzen Tag und über Wochen. Nicht nur Flüchtlinge protestierten an diesem Montag, sondern auch rund 500 Bewohner Morias. Als gegen Abend frustrierte Camp- und Dorfbewohner aufeinander treffen, gerät die Situation außer Kontrolle.

Erneuert gehen Bilder vom ehemaligen Urlaubsparadies Lesvos, heute als Schauplatz griechischer Hilfslosigkeit, um die Welt. Twittervideos zeigen Geflüchtete, die nach der Evakuierung des Camps ihre abgebrannten Zelte in Schlamm und Asche vorfinden. 800 Personen sind Monate nach ihrer Flucht wieder heimatlos. „Es war nur eine Frage der Zeit“, meldet sich nach dem Vorfall der Bürgermeister Lesvos, Galinos Spyros, zu Wort.

©Valeria Ferraro

Seit Monaten leben die Bewohner in Zelten. Improvisierte Planen schützen vor Regen, aber nicht vor der Kälte.

Seit Monaten warnen Organisationen, Journalisten und Inselbewohner vor den Zuständen im Camp, für das die Akteure verschiedene, alarmierende Worte finden: „Gefängnis“, „Anstalt“, „unmenschlich“, so Ärzte ohne Grenzen und „nicht mal für Tiere geeignet“, laut es jüngsten Human Rights Watch Berichts: ein Ort, „von Chaos und Unsicherheit geprägt“. Besonders Gerüchte befeuern die angespannte Situation. Außerhalb des Camps wollen Inselbewohner gesehen haben, wie ein neues und drittes Aufnahmelager gebaut wird. Innerhalb des Camps befürchten Asylsuchende währenddessen eine Massenabschiebung.

Am schlimmsten sei die Ungerechtigkeit, erklärt Al Mamun, der nur seinen Nachnamen nennen möchte. Der Pakistani fürchtet sich vor der Taliban, sogar im Flüchtlingscamp tausende Kilometer von seinem Heimatort. Der 44-jährige Arzt sieht sich als einer der großen Verlierer des EU-Türkei-Abkommens. Kategorisch betrachten die griechischen Behörden Pakistani als Wirtschaftsmigranten. Ihr Asylantrag bleibt meist erfolglos. Nach der Verordnung droht ihnen die Abschiebung in die Türkei und von dort zurück nach Pakistan.

 

Ungerechtigkeit befeuert die Frustration

„Dann bringt uns lieber hier um, bevor ihr uns zurück schickt“, sagt Al Mamun und eine Gruppe junger, asiatischer Männer nicken bestärkend. Sie sind sauer: auf die Behörden, auf die bevorzugten Syrer, die auf die Kosten ihrer Freunde per Charterflug nach Deutschland geflogen werden und vor allem auf die Politiker der EU. Es sei ein „Handel mit Menschen“, ärgert sich ein Mann in der Runde: „als wären wir Tiere“ und der Pakistani entgegnet: „wir alle haben einen Grund, dass wir diesen Weg auf uns genommen haben“. Sieben Mal sei er knapp dem Tod entkommen. „Ich habe Angst“ sagt der Vater von drei Töchtern, als sich die jungen Männer wieder dem Kartenspiel widmen.

„Ich will einfach nur noch weg aus Moria“, sagt Lamine*. Sein ganzes Vermögen, umgerechnet 5000 Euro, zahlte der Senegalese den Schmugglern für ein besseres Leben. Monatelang bestand sein Tagesablauf darin, sich stundenlang für Essen anzustellen und den Rest des Tages zu schlafen „um keinen Hunger zu haben“. Heute reicht sein Geld nicht einmal für den Bus nach Mythelini, der Hauptstadt von Lesvos. Zu Fuß läuft der Senegalese regelmäßig 15 Kilometer zum Hafen. Eine drei Meter hohe Umzäunung trennt die ankommenden Touristen von verzweifelte Geflüchteten.

©Valeria Ferraro

Der Hafen von Mythelini: für viele Geflüchtete Ort des Frust und der Hoffnung, endlich weiterzukommen.

Es sind rund 50 junge Männer verschiedener Nationalen, die das Hafengeschehen beobachten, als würde sie sich jedes Detail einprägen wollen. Eine Kolonne von LKWs wartet vor dem majestätischen Passierschiff. In einem der Container befänden sich sechs seiner Freunde, flüstert Lamine, als könnte der Polizeibeamte mit Sonnenbrille auf dem Hafenplatz ihn hören. Letzte Nacht hätten sie sich in den Lebensmittelwagen geschmuggelt. „Meistens wissen die LKW Fahrer Bescheid “, sagt Lamine ohne den Blick von der Fahrzeugschlange zu wenden. Wenn die Fahrer Geld nehmen würden, wären sie Schlepper und bekämen Probleme, erklärt er: „wahrscheinlich haben sie Mitleid oder schauen einfach nur weg“, sagt er und spielt mit dem Handy in seinen Händen.

Noch keine Nachricht. Das wäre ein gutes Zeichen. Als der rote LKW an der Reihe ist, wird es still hinter den Gittern. Ein Polizeibeamter mit weißen Handschuhen durchsucht das Cockpit des Lasters und schaut unter das Fahrzeug. Als er den LKW Richtung Laderampe winkt, triumphieren die jungen Männer hinter der Umzäunung leise. Einen LKW später ziehen Grenzpolizisten zwei weitere Flüchtlinge aus einem Abfallcontainer. „Wenn sie Pech haben, landen sie in Gewahrsam“, sagt Lamine und zuckt mit den Schultern: „kann nicht schlimmer sein, als Moria“.

Die Mehrheit der Asylsuchenden soll auf schnellstem Wege die Insel verlassen. Darauf einigten sich die Vertreter von Polizei, öffentlichen Behörden und Inselbewohner bei einem Krisentreffen in Mythelini nach dem Brand. Die Gastfreundschaft der Insel sei ausgeschöpft, so der kollektive Konsens. In den Lagern Kapa Tere und Moria wohnen derzeit fast 6000 Geflüchtete, beinahe doppelte so viel wie Kapazität zulässt. Durchschnittlich verlassen knapp 50 Asylsuchende auf legalem Weg die Insel. Die Überfüllung der Camps nennt der Bürgermeister Galinos eine direkte Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt und Sicherheit auf der Insel. „Wir können die Situation nicht alleine bewältigen, macht auch die Regionalgouverneurin Christiana Kalogirou gegenüber dem lokalen Fernsehsender Skai TV deutlich: „Die Inselbewohner können nicht mehr“.

Gastfreundschaft ausgereizt

„Natürlich wollen wir helfen, aber wir haben auch unsere eigenen Existenzkämpfe“, betont Nikos. Der Busfahrer und ehemaliger Hotelbesitzer berichtet von Demonstrationen in seinem Heimatort Molyvos. Vor allem im Norden des Landes würden Dorfbewohner gegen internationale Organisationen und Flüchtlingspolitik demonstrieren, oft genug angeheizt durch die rechte Partei „Golden Dawn“. Lokale Medien berichten von einem Rückgang der Touristen von bis zu 80 Prozent. Der lokale Hotelverband kalkuliert für 2016 mit einem Verlust von knapp 800.000 Tagesgehältern. Zur gleichen Zeit steigen die Steuern und zwingen Hotel- und Cafébesitzer, die Preise zu erhöhen. Nach der Wirtschaftskrise sei die Migrationskrise der „finale Todesschuss“, so Nikos, der heute für eine humanitäre Organisation arbeitet.

„Dieser Ort hat sich verändert“, sagt auch Anna Tascha Larsson in einem Café in Skala Sykamines Im Hintergrund trennt der acht Kilometer breite Seeweg Griechenland von der türkische Küste. Seit dem letzten Sommer passierten eine halbe Millionen Asylsuchende den 80-Seelen Ort, erklärt die Helferin und Mitgründerin der Organisation Lighthouse Relief. Seit dem hat die Ruhe den Ausnahmezustand abgelöst. Nach dem Abkommen im März verschwanden nicht nur die Touristen, sondern auch viele der freiwilligen Helfer: „Jetzt sind die Dorfbewohner mit ihren Problemen alleine“. Schon vor einem Jahr waren sie die humanitären Helfer der ersten Stunde, Wochen bevor der UNHCR ein Aufnahmelager eröffnete.

„Wir sind es gewohnt, dass fremde Menschen mitten in der Nacht an Land kommen“, erklärt Maritsa Mavrapidi. Mit Migration kenne sich sie aus, und seit sie für den Friedensnobelpreis nominiert ist auch mit Interviews. Mit Küsschen links und Küsschen rechts begrüßt die 85-Jährige einen britischen Filmemacher in ihrem Steinhaus am Rand des Dorfes. Umsäumt von Tomatenpflanzen und wildem Wein thront sie auf einem Plastikstuhl und wartet geduldig bis sie verkabelt wird. Sie streift die Arbeitsjacke ab und rutscht noch ein bisschen aufrechter, als die Aufnahme beginnt. Dann berichtet die Großmutter von bis zu 15 Booten täglich und Kindern, die sie nie vergessen wird. Die Enkeltochter muss sie immer wieder unterbrechen, um ihr Gesagtes zu übersetzen.

 

Humanitäre Hilfe geschieht vor Ort und automatisch

Maritsa hat viel zu erzählen vom letzten Jahr, seit ein Bild von ihr um die Welt ging. Es liegt wie eine ständige Erinnerung auf dem sonnengebleichten Gartentisch. Die Fotografie von Lefteris Partselis zeigt sie und zwei ältere Damen, wie sie vor einem Flüchtlingsbot ein Neugeborenes im Arm halten, „damit die Mutter sich in Ruhe umziehen konnte“, erzählt Maritsa. Von humanitärer Hilfe und großen Organisationen hätte sie keine Ahnung, vom Mutter-sein dafür sehr: „sie wollen nicht unser Geld, sondern nur Geborgenheit“, sagt die Mutter von drei Kindern und Großmutter.

©Tommy Chavannes

Maritsa Mavrapidi, 85, ist eine der humanitären Hilferin der ersten Stunde. Dafür war sie für den Nobelpreis nominiert. ©Tommy Chavannes

Maritsas Familie kam in den 20er Jahren in Booten auf dem selben Seeweg nach Lesvos wie die Flüchtlinge heute. Insgesamt eineinhalb Millionen. Schon immer waren das ägäische Meer Transitgebiet: für Kriegsflüchtlinge, Saisonarbeiter, Menschen, die ein besseres Leben suchten. 70 Prozent der Inselbewohner sind selbst Geflüchtete. „Auch wir waren arm und nicht willkommen“, erinnert sich die 85-Jährige. „Es ist nicht nur eine Art etwas zurückzugeben“ sagt sie über die Tatsache, dass sich für sie die Geschichte in Lesvos wiederholt: „Wir Inselbewohner können auch gar nicht anders, als zu helfen“.

Dieser Text erschien ursprünglich in des Tageszeitung Neues Deutschland am 29. September