Mexiko streitet über ein Musikvideo

Ästhetisierte Gewalt Der Popsong „fuiste mía“ hat zu einer öffentlichen Debatte zum Thema Gewalt an Frauen geführt.

Mexiko streitet über ein Musikvideo

Gerardo Ortiz’ Fuiste mía hätte ein Lovesong sein können. Zu Latino-Pop singt er mit Cowboyhut und Sonnenbrille über seine „Liebste, sein Herz“. Als er sie ein paar Takte später in flagranti mit einem anderen Mann erwischt, tötet er den Nebenbuhler mit einem Schuss in den Kopf. Ein letztes Mal küsst er die Schwarzhaarige, verbindet ihr den Mund und sperrt sie in den Kofferraum. Zum Refrain „fuiste mía“ (du warst mein) zündet er sich eine Zigarette an und wirft sie auf das mit Benzin begossene Auto. Grinsend läuft er aus dem Bild, während die Frau verbrennt.

Der Popsong katapultierte im Frühling dieses Jahres das Thema Gewalt an Frauen in die öffentliche Debatte Mexikos. Während sich die Zivilgesellschaft über die Gewaltverherrlichung empört, singen Teenager begeistert Ortiz’ Rachelied. Zwei Petitionen forderten Youtube auf, das Video zu sperren. Dann meldete sich der mexikanische Innenminister zu Wort und drohte Ortiz mit einer Strafanzeige. In der Zwischenzeit verbuchte das Video 20 Millionen Klicks und verbreite sich viral im Netz.

Ortiz sagte, er habe nur die Realität dargestellt. Aber anders als in der Realität würden Musikvideos wie dieses Gewalt an Frauen ästhetisieren und damit aufwerten, widerspricht der Kulturwissenschaftler Enrique Chacón. Seit Jahren verfolgt Chacón das Zusammenspiel von kulturellen Produkten und Gewaltentwicklung in Mexiko. Laut nationalem Statistikinstitut wurden 2013 und 2014 jeden Tag sieben Frauen umgebracht. Viele Morde werden als Selbsttötungen deklariert, oder die Verantwortung wird den Opfern zugeschoben. So geschmacklos der Song sein mag, so harmlos ist er im Vergleich zu den Diskussionen um das Video.

Youtube hat freilich wenig Interesse daran, die künstlerische Freiheit oder die Meinungsfreiheit der User einzuschränken. Aber sich herauszuhalten, ist in diesem Fall keine Option. Nur erfährt man als Nutzer nicht, wer bei Youtube beurteilt, wo für den großen Multiplikator die Linie zwischen freier Meinungsäußerung und hate speech verläuft. Die Videoplattform gestattet eine Beschwerde in 500 Worten. Meldet man Gerardo Ortiz’ Fuiste mía, ist es 24 Stunden später verschwunden. Ein anderer User hat den Song derweil schon wieder hochgeladen, in der unzensierten Originalversion.

Auch darum bleibt die Forderung nach einer digitalen Zensur ein absurdes Unterfangen. Am Ende hilft nur ein geschultes Bewusstsein. Es geht darum, einen klaren Blick für frauenfeindliche Inhalte und ihre möglichen Konsequenzen zu entwickeln. Die einzig effektive Zensur liegt bei jedem und jeder selbst.

Dieser Beitrag erschien im Freitag Ausgabe 26/16.