“Jeder hat seinen Preis”

Der Rückgang der Touristen macht Ioannis Papapanagiotou zu schaffen. Der Besitzer zweier Cafes und einem Imbiss in Vathys Ortskern, der Hauptstadt der Insel, musste viele seiner Angestellten schon entlassen. Und die Steuern steigen weiter. Die Feindbilder sind klar definiert: die Politiker, die EU als Ganzes und seit letztem Sommer besonders eine Gruppierung von Akteuren: die Flüchtlinge.

Ioannis, Barbesitzer aus Vathy, SamosAls wäre er der Dorfplatzwärter sitzt Ioannis auf der weiß-ledernen Couch in seinem Café. Freddochino schlürfend visiert der Barbesitzer das Geschehen auf Vathys zentralem Ortsplatz. Es ist eine Kulisse aus Cafés, Hotels, Restaurants und Souveniershops, als wäre sie nur für die Touristen erbaut. Durch seine petrolblaue Brille folgt sein Blick Touristen, Frauen, Nachbarn – und neuerdings Flüchtlingen, die sich unter die Menge mischen. „Die stehen da rum mit ihrem Smartphone und schauen Pornos“, sagt Ioannis und nippt an seinem Eiskaffee. Die Frauen, allesamt Muslima, würden sie ja nicht ranlassen.

Mit einer Software sieht er auf den Bildschirm derer, die sein WLAN nutzen, erklärt er mit dem Lächeln eines jenen, der genau im Bilde sein will, was um ihn herum passiert. Es ist nicht seine ständige Präsenz auf dem Dorfplatz von Vathy, sondern die insgeheime Kontrolle, die ihn zu einem Hauptakteur der Insel macht. Und Ioannis weiß auch außerhalb der Insel sich einzumischen.

Es dauert keine fünf Minuten und Ioannis, mit Haaren wie in schwarze Schuhcreme getunkt, erscheint wieder aus dem Inneren seiner Bar. In der Hand hält er einen zerknitterten Brief. Es liegt ihm viel daran uns dieses Dokument zu zeigen. Es scheint, als warte der Brief seit Jahren genau dort auf eine journalistische Kamera. 2004 steht auf dem Poststempel. Damals hatte sich Ioannis besorgt an die EU gewandt. Angesichts innenpolitischer Schwierigkeiten forderte er, ein couragierter Bürger der Insel, die EU-Parlamentarier auf, die Grenzkontrolle zu intensivieren.

Sorgfältig protokollierte Ioannis die Korrespondenz, in der ein Jahr später die Antwort folgt: „Sie haben Recht, Herr Papapanagiotou“, fährt er mit seinem Finger nach, als ob er damit die verschriftliche Evidenz seines Anliegens markieren könnte.  „Wir werden uns darum kümmern“ liest er laut vor. 13 Jahre später patrouillieren zwar Frontex Boote in den Gewässern vor Samos. Getan hätte sich trotzdem nichts. Ioannis ist sauer: auf die EU wegen der es seinem Geschäft schlecht geht.

Knapp 60 % der Touristen blieben aus

Wie die meisten Hotel- und Gastronomiebesitzer auf Samos lebt Ioannis vom Sommer. Diese Saison jedoch hätten sich die Kreuzfahrtschiffe entschieden die Insel zu umfahren, Charterflüge wären gestrichen worden und wegen Erdogan kämen zusätzlich weniger Touristen aus der Türkei, so der Café-Besitzer. Von ehemals 29 Angestellten würde er nur noch knapp die Hälfte beschäftigen. Und auch bei den 14 übrigen wüsste er nicht, ob sie die erhoffte Arbeitslosenzahlung für Saisonarbeit bekämen. Die Arbeitstage auf dem Lohnzettel waren diesen Sommer so wenige wie nie zuvor.
Noch ein Jahr wie dieses und es explodiert, sagt Ioannis und imitiert zurückgelehnt einen lauten Knall. Waffen, Revolution, vielleicht müsste er die Sache selbst regeln, sagt er zu uns, auf seinem Plastikstuhl thronend, während er eine Gruppe vorbeiziehender junger Männer mustert, die augenscheinlich aus dem nahegelegenen Camp für Geflüchtete kommen.

Auch er hätte am Anfang mitgeholfen. Wie alle übrigens. Das Chicken-Menü gab es für die Ankommenden in seinem Imbiss für den halben Preis, manchmal auch umsonst. „Schaut ihn an“ sagt er und deutet mit einer Kopfbewegung auf einen älteren Mann in der Dönerbuden-Schlange: „Albaner, ein guter Migrant. Seit 20 Jahren hier, tüchtig“. Gegen gute Flüchtlinge hätte er nichts, nur, wenn sie was von seinem Lebensstandard wollen. Vor einem Monat hatte sein Vater einen Herzinfarkt. Im Krankenhaus wurde er ganz hinten in die Schlange verwiesen, vor ihm 130 Flüchtlinge, so ungefähr zumindest, sagt er wütend und plötzlich geht es nicht mehr um Lebensstandard und Wohlstand, sondern um Existenzsicherung.

Lebensstandard gefährdet

„Jeder hat seinen Preis“, sagt er repetitiv und später begreifen wir, dass er von Stolz spricht. Eigentlich hat Ioannis keine Angst um sein Geld, er fürchtet um sein Ansehen. Ioannis arbeitet hart, von neun bis zwei Uhr nachts, jeden Tag, den ganzen Tag. Meist steht er selbst in seinen Läden, sagt er mit erhobenen Kopf, dann widmet er sich wieder seinem Gyros, das monoton auf seinem Grill brutzelt.

Von seinem Verdienst hatte er sich vor ein paar Jahren einen langersehnten Traum verwirklicht: Ein Mercedes. Jetzt steht das Auto, „Made in Germany“, unbenutzt in seiner Garage. Kein Geld mehr für die Versicherung. Sein Vermögen wäre sogar noch nach Deutschland gewandert, sagt er verächtlich. Ein paar Atemzüge später jedoch: „Ich schwöre, wenn ich die 200.000 Euro zusammen habe verkaufe ich meine Läden und haue ab nach Deutschland, das ist nicht nur euer Land“. „Wie Griechenland nicht nur den Griechen gehört?“ fragen wir. Nach einem kurzen Moment der Stille nickt Ioannis.