Drama mit Trauma

Wie Theater mit Geflüchteten arbeiten, ist umstritten. Über die Grenzen zwischen Kunst, Ausbeutung und Therapie

Erst mal ist da nur die Erinnerung. Die drei auf drei Meter große Fläche bleibt gedankliche Kulisse. Schwere Filzvorhänge dunkeln die Fensterfront des Jugendzentrums ab. Es ist so leise, dass man Samer schlucken hört, als er auf die beleuchtete Fläche tritt. Wie ein Fußballspieler nach dem Tor triumphiert der 16-Jährige, er rennt durch das Quadrat, albert herum. Einen Moment später versteckt er sich schreiend hinter den Vorhängen. Aus dem arabischen Monolog stechen zwei Worte hervor: „Europa“, und noch deutlicher: „Mama“. Samer schlägt mit der Faust gegen die Wand, als ein Handy klingelt. „Alemanja“, wiederholt er ungläubig. Jetzt schießen dem zierlichen Jungen Tränen in die Augen. Er muss verlegen grinsen. Während seine Freunde applaudieren, fallen seine Schultern.

„Wir brauchen keinen Arzt und keinen Psychologen, wir brauchen nur eine Bühne.“ So beschreibt es später in der Reflexionsrunde Samers Freund Abdil Karim. „Jeder hat eine Geschichte, die er mit sich schleppt“, sagt der 18-Jährige, die anderen nicken. Die größtenteils syrischen Jugendlichen gehören der Theatergruppe Travellers 3 an. Seit acht Monaten proben sie zusammen. Nach ihrer Ankunft war es für viele das Erste, was sie taten, wenn sie nicht täglich vor Berliner Ämtern kampierten.

Der Verlust einer geliebten Person, angeknackstes Selbstbewusstsein, das unverständliche neue Deutschland und immer wieder die Heimat – diese Themen ziehen sich durch die Improvisationen, die sich später zu einem Theaterstück formieren. Ein Laientheater könnte man die Gruppe des Interkulturellen Theaterzentrums in Neukölln nennen oder auch eine sozialpädagogische Maßnahme. Ein Gegenentwurf zum Repräsentationstheater der etablierten Häuser. Spätestens seit vergangenem Sommer ist das Thema Flucht und Migration aus den großen Theatersälen und den Kulturprogrammen der Berliner Hinterhöfe nicht mehr wegzudenken. So unterschiedlich ihr Publikum ist, sie haben eines gemeinsam: Scheinbar inflationär bedienen sie sich der realen Erinnerungen der Geflüchteten. Seit diese selbst auf der Bühne stehen, verschwimmen die Grenzen zwischen Laien- und professionellem Theater. Sogar ein Genrebegriff hat sich etabliert. Das sogenannte Geflüchtetentheater möchte alles, Ästhetik, Authentizität, Aktionismus und Aufarbeitung, am besten gleichzeitig. Kann Theater das leisten?

Rund um die Uhr

Die Antwort von Maher Draidi wäre „Ja“. Der Leiter von Travellers 3 ist Schauspieler und Theaterpädagoge, Regisseur und noch weit mehr für die Jugendlichen. Es ist Juni, Draidi hat zum Fastenbrechen in seine Neuköllner Wohnung geladen. Wie ein Familienoberhaupt sitzt er am Tischende, weiße Haare ziehen sich durch seinen schwarzen Pferdeschwanz. Um Punkt zehn Uhr öffnet er die Colaflaschen. Die Jugendlichen stürzen sich hungrig auf das Büfett, für das Draidis Frau den ganzen Tag gebacken und gekocht hat. Für einen Moment legt er den Kopf schief und mahnt die Jungs zur Ruhe, dann lächelt er gutmütig.

Eigentlich arbeitet der Palästinenser drei Stunden die Woche fest angestellt im Theaterbüro. Er schreibt Stücke und feilt an ihrer Inszenierung. Nebenbei spricht er mit Lehrerinnen, wenn es Ärger in der Schule gibt, und er regelt bürokratische Angelegenheiten für die Jugendlichen. Wie Samer kamen viele als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland. „Dieser Ort ist neu, und ich bin der Link zwischen der alten Heimat und hier“, sagt Draidi leise. Ständig hat er sein Handy in den Händen. Sie haben eine Whatsapp-Gruppe, dort sei er rund um die Uhr erreichbar, oft genug auch nachts.

In seiner Ausbildung als Theaterpädagoge warnten die Dozenten ihn vor der Arbeit mit traumatisierten Jugendlichen. Es könne schädlich sein, die Traumata ohne professionelle Begleitung eines Psychotherapeuten hervorzuholen. Er widersprach. „Theater ist die beste Therapie“, davon ist er auch heute überzeugt. Er spricht von einem „save space“ – einem geschützten Raum – und meint dabei viel mehr als das Theaterbüro oder sein Wohnzimmer.

(c) dpa / Foto: Stephanie Pilick/dpa

Der Regisseur Nicolas Stemann 2015 bei der Probe zum Theaterstück “Die Schutzbefohlenen” im Haus der Berliner Festspiele in Berlin

„Das grundlegendste Bedürfnis der Ankommenden ist Sicherheit“, betont auch der Psychologe Boris Friele vom Berliner Zentrum Überleben. Dem Deutschen Ärzteblatt zufolge leidet etwa jeder zweite Geflüchtete aufgrund von traumatischen Erlebnissen an einer psychischen Erkrankung. Ein Teil der Belastungsstörungen werde jedoch erst in Europa durch das Asylsystem verursacht, durch angedrohte Abschiebungen und prekäre Situationen in den Notunterkünften. Friele spricht in diesem Zusammenhang von „retraumatisierenden Erlebnissen“. Diese könnten auch in der Theaterarbeit auftreten. Für manche sei der kreative Rahmen eine Befreiung. Für andere könne die Konfrontation mit dem eigenen Schicksal traumatische Gefühle von Angst und Ohnmacht wiederbeleben.

Theater kann heilen

Dem Theater attestiert er grundsätzlich therapeutisches Potenzial, gleichzeitig warnt er: „Es entsteht immer auch ein Abhängigkeitsverhältnis.“ Kritisch sieht er die Instrumentalisierung der Geflüchteten für künstlerische Zwecke. „Sie haben es schwer, die kulturelles Codes unserer Gesellschaft zu verstehen“, fügt er hinzu. Entscheidend sei, dass man achtsam und sensibel mit den Geschichten der Betroffenen umgehe, um ungewollte Bloßstellungen zu vermeiden. Für ihn ist bezeichnend, dass viele Regisseure sich zwar der Geschichten der Geflüchteten bedienen, sie aber von professionellen Schauspielern vortragen lassen. Bestes Beispiel dafür sind die Asyl-Dialoge.

Die dokumentarische Theaterreihe der Bühne für Menschenrechte hat in den vergangenen Jahren großen Zuspruch erfahren. Stoff der schlichten Inszenierungen sind die Geschichten Geflüchteter, die um ihren Aufenthaltsstatus bangen, sowie von Unterstützern und Aktivisten. Schauspieler tragen sie wortgetreu vor, sie sprechen auf den Bühnen kleiner Theaterhäuser und Kulturkneipen. Am Ende jeder Inszenierung folgt ein Publikumsgespräch. Das dokumentarische Theater will politisieren und das Publikum direkt ansprechen, „als Komplize“. „Dafür leihen wir uns die Geschichten der Geflüchteten“, sagt Initiator Michael Ruf und scheint dabei Angst vor dem Wort „bedienen“ zu haben.

Kommt Ironie an?

„Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch doch spielen“, heißt es in Nicolas Stemanns Inszenierung der Schutzbefohlenen. Angelehnt an die griechische Tragödie Die Schutzflehenden geht es in dem Stück von Elfriede Jelinek um die Rolle der Geflüchteten im öffentlichen Diskurs. Das Hadern, wie mit ihnen auf der Bühne umzugehen sei, wird zum subtilen Leitmotiv. Stemann probiert sich seit der Uraufführung 2014 mit verschiedenen Versionen aus, immer abwägend, wer die artifiziellen Texte in perfektem Deutsch sprechen kann und wie authentisch die Inszenierung trotzdem sein soll: Mal rezitieren weiß, mal schwarz geschminkte Schauspielprofis Jelineks Zeilen, dann wieder hellhäutige Schauspieler mit weißen Masken. Stemann wurde deshalb auch Exotismus vorgeworfen.Als Klagechor holt er die Geflüchteten selbst auf die Bühne. Sie spielen in zweiter Reihe, oft nur für wenige Minuten. Die moralischen Tücken dieser Darstellung stilisiert Stemann zu einer Analogie zum Stand der Geflüchteten in Deutschland. „Die Flüchtlinge spielen eben auch nur eine Rolle. Auf der Bühne wie in der Gesellschaft“, sagte er in einem Interview. Die Bühne als Metapher für die realen Verteilungskämpfe in der Gesellschaft. Kommt diese Ironie bei den Geflüchteten an?

Samee Ullah machte Stemanns Inszenierung nicht nur ratlos, sondern wütend. Die metaphorischen Verteilungskämpfe auf der Bühne sind für ihn tatsächliche. Er hält nichts von Projekten, bei denen „Geflüchtete sich auf der Bühne so bewegen sollen, wie es ein privilegierter Regisseur will“, sagt der 33-Jährige frustriert. „Wir sind keine Kunstobjekte.“ Drei Jahre lang war er Mitstreiter des Kollektivs Refugee Club Impulse, er verband das aktivistische Laientheater mit der Hochkultur. Das Berliner Maxim-Gorki-Theater stellte ihm ein Büro, vier weitere Theater engagierten den ehrgeizigen Pakistaner für ein Jahr.

Samee Ullah am Karneval der Geflüchteten

Samee Ullah am Karneval der Geflüchteten

„Wir haben nicht genug Jobs, geht zurück in euer Land“, schreit Ullah auf der Bühne. Der stämmige Mann zittert. Seine Augen sind weit geöffnet. Für seinen Tobsuchtsanfall erntet er spontanen Applaus. Es ist eine Aufzeichnung des Stücks Do Butterflies have Borders?, mit dem Ullahs unerwartete Laienkarriere begann, als er 2013 sein persönliches Feindbild spielte: den Beamten, der ihn täglich ernüchterte. Monatelang wartete Ullah auf eine Arbeitserlaubnis. Zufällig traf er in der Notunterkunft auf eine Theatergruppe. Als loser Zeitvertreib gegen das Warten begann es, dann entdeckte er, wie ihm das Spielen half. Die Kunst habe ihm ermöglicht, Dinge zu sagen, die er sonst nie losgeworden wäre, sagt er. Im März diesen Jahres sprach Samee Ullah 90 Minuten lang im Bundestag als Gesandter des Refugee Club Impulse zum Thema Flucht und Migration. Von der Theaterbühne hatte er es auf die politische geschafft. Medien berichteten über den „Vorzeigeflüchtling“. Ein Star wollte Ullah nie sein. Was er in Deutschland suchte, war Normalität. Sicherheit fand er im Theater.

Während die syrische Gruppe Travellers 3 noch im geschützten Raum des Jugendbüros probt, strebt die Truppe um den Refugee Club Impulse nach draußen. Für ihr aktuelles Projekt Caravan Al-Hakawati nutzen die Theatermacher die Kunst der arabischen Geschichtensammler und -erzähler. In einem bunten Zug durch die Straßen – die „Welt der Grenzen“ – erzählen fiktive Figuren die „Geschichten dieser Welt“. Wer hinter den pompösen Masken steckt, ist nicht zu erkennen, und es ist auch nicht wichtig. Die heterogene Gruppe besteht aus Laienschauspielern und Professionellen, Geflüchteten und ihren Mitstreitern. Die normative Bühne ist aufgelöst, unters Volk gemischt, dort, wo sie laut Ullah hingehört. Nicht in elitären Cliquen über Geflüchtete reden, lautet die resümierende Forderung der Aktivisten nach drei Jahren Theaterarbeit. Oder, um es mit Stemanns resignierter Abänderung in den Schutzbefohlenen zu sagen: „Ich kann nicht für euch sprechen, macht das lieber selbst.“

Dieser Beitrag erschien im Freitag Ausgabe 32/16