Das Paradies retten

Vor 50 Jahren noch unbesiedelt gelten die indonesischen Gili Inseln heute als Urlaubsparadies. Die Konsequenzen des plötzlichen Massentourismus gehen auf Kosten der Umwelt. Er könnte die Insel zerstören oder sie retten, sagen Bewohner. Von dem mühsamen Versuch, die Inseln zu einem nachhaltigen Tourismus zu bewegen

Der Artikel erschien am 13.04.2017 in der GEO Online. 

Türkis schimmerndes, badewannenwarmes Wasser umspült den feinkörnigen Strand. Er wirkt wie aus einem Urlaubsschnappschuss, den man Freunden zeigt und vom „Paradies“ spricht. Nur ein paar Straßen weiter, im Dorfinneren von Gili Trawangan, balanciert Sian Williams über verrostete Fässer, metallic-glitzernde Verpackungen und Essensreste bis sie auf einem scheinbar dampfenden Berg steht. Die Fliegen surren über die Abfälle, drei Kühe grasen in den Lebensmittelresten. Schon lange quillt der Müll über die maroden Mauern auf die Felder. Kokospalmen im Hintergrund verdecken, was die Touristen meist nicht sehen können und wollen.

„Die Leute im Dorf wissen nicht mehr, was sie mit dem ganzen Müll anfangen sollen“, erklärt Sian. Bis zu 20 Tonnen seien es täglich. Die Engländerin ist Mitarbeiterin der Umweltorganisation Gili Eco Trust. Seit 20 Jahren kümmert sich die Organisation um die Umweltprobleme, die mit dem Massentourismus auf den drei Inseln zwischen Bali und Lombok aufkamen.

Vor 50 Jahren noch galten die Gili Inseln als eine entlegene Inselgruppe, auf der sich nur ein paar nomadische Fischer niederließen. Heute erreichen täglich bis zu 4000 Besucher den Archipel. Fast genauso viele Einwohner leben auf den Inseln Gili Meno, Gili Air und Gili Trawangan auf knapp sieben Quadratkilometern. Die rasante und ungeplante Entwicklung des Tourismus überstieg einfach das, was die Inselbewohner bewältigen konnten, so beschreiben es die Forscher Mark und Joanna Hampton in ihrer Studie „Is the Beachparty over?“. Der Tourismus sei ein „ernsthaftes Problem für die Umwelt“, und dennoch: „die Beste aller schlechten Optionen“. Der Gastbetrieb gilt als die einzige Einnahmequelle.

Noch etwas drastischer formuliert es Delphine Robbe im Büro von Gili Eco Trust: „Der Massentourismus zerstört die Insel“. Die Leiterin der Umweltorganisation kam 2008, in einer Zeit, „als die Leute am Strand pennten, weil es noch nicht genug Hotels gab“. Seit dem mobilisiert die 38-Jährige, die im Ort auch „Öko-Kriegerin“ genannt wird, Freiwillige und Einheimische für Umweltprojekte: von Upcycling bis Umweltbildung an Schulen, von Müll-Sammeln bis Aufklärungskampagnen. Ihren letzten Burn-Out hätte sie gerade hinter sich, sagt sie. Vor einem halben Jahr schien all ihre Arbeit umsonst.

Delphine Robbe auf den Gili Islands

Korallenbleiche und Rettung des Riffs

Von Januar bis Juni 2016 starben 40 Prozent des umliegenden Korallenriffs ab, eine Fläche viermal so große wie die Inseln selbst. Über 29 Grad Wassertemperatur bedeute Stress für das Riff, erklärt Robbe. Diesen Sommer lag die Temperatur sogar bei 34. Abwasser und Müll im Gewässer würden Mikro-Algen verursachen, ein weiterer Störfaktor für das sensible Ökosystem. Tauchtouristen zerstören das Riff mit ihren Gerätschaften. Fischer reißen mit ihren Ankern Bruchstücke aus den Korallen. Sind die fleischhaltigen Teile erst einmal abgestorben, bleibt nur das kalkige Gerüst übrig. Die „gebleichten“ Korallen treiben wie Skelettteile an den Strand.

Mit der sogenannten Biorock-Technologie versucht Gili Eco Trust die abgestorbenen Teile des Riffs zu regenerieren. Mithilfe von leichten Gleichstrom-Impulsen werden  die gebleichten Riffteile angeregt. Heute gibt es 120 artifizielle Biorock-Strukturen auf den Inseln. Es würde jedoch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis sich das Riff wieder vollständig regeneriert, erklärt Robbe. Dabei könnte das Riff, als ein natürlicher Schutzwall, die einzige Chance sein gegen den Anstieg des Meeresspiegels, der die Inselgruppe stark gefährde, erklärt Andreas Villwock vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Schon jetzt steigt der Meeresspiegel in der Region um 15 Millimeter pro Jahr, Tendenz weiter steigend.

„Wenn es so weiter geht, wird in zehn Jahren von den Inseln nicht mehr viel übrig sein, dann kannst du den Tourismus vergessen“, sagt Stefan Pfister vor seinem Restaurant auf Gili Air. Pfister oder „Mr. Stefan“ gilt als der erste Mann auf der Insel. Er war Schauspieler, unter anderem für den Tatort, als seine „Inselsehnsucht“ ihn vor 45 Jahren auf die Gilis brachte. Seit dem schwand der Strand vor seiner Spa- und Gastronomieanlage um 30 Meter. Am Anfang etwa einen Meter pro Jahr, stieg das Wasser „exponentiell“ seit die Regierung 1998 Teile des Riffs für die immer größer werdenden Touristenboote sprengte, erzählt Pfister, während die Wellen gegen die Strandmauern klatschen. Es ist bereits die Dritte.

Stefan Pfister auf den Gili Islands

Die Mauern beschreibt Beate Ratter, Professorin für Küstenforschung und kleine Inseln als „ kurzfristiges Allerheilmittel“. In Wirklichkeit seien die Ufermauern meist das „Schlimmste was man tun kann“. Durch den Aufprall untergräbt die Welle die Mauer und zieht noch mehr Sand ins Meer. Ratter nennt die Sanderosion als einen Grund, warum das Wasser steigt. Daneben sei die globale Erderwärmung eines von etwa 15 Faktoren, betont sie und gleichzeitig, dass man den Klimawandel nicht als Ursache für jegliche Umweltprobleme benennen dürfte: „Natürlich haben wir eine globale Verantwortung im Bezug auf den Klimawandel“, sagt Ratter. Doch Ausschlaggebend wäre, was auf lokaler Ebene passiert – oder eben nicht.

„Wir wissen nicht, was wir sonst gegen das ansteigende Wasser tun sollen“, klagt Huyad Taufiq im Gemeinde-Büro der drei Inseln. Der 40-jährige Lokalgouverneur ist auf Gili Air geboren. Seine Familie waren Fischer aus Sulawesi, auch sie arbeiten heute wie rund 80 Prozent der Dorfbewohner im Gastbetrieb. Von Klimawandel möchte er nichts wissen, macht er deutlich. Der Tourismus habe erste Priorität: „Der Wettbewerb an paradiesischen Inseln in Indonesien ist groß“, betont Taufiq.

Man könne die Umweltprobleme nicht mehr vor den Touristen verstecken, sagt Robbe hingegen. Für sie sei die indonesische Mentalität, „heute zu leben, egal was in 20 Jahren passiert“ der falsche Ansatz. Mitten im Satz poppt auf ihrem Handy eine Erinnerung auf: 45 Millionen im Jackpot. Eine Gruppe Freiwilliger steht schon in der Türschwelle, als sie noch schnell die fünf Zahlen ausfüllt. Einmal im Monat spiele sie Lotto, nicht für sich, sondern ihren „Masterplan“, die Insel zu einem globalen Beispiel für nachhaltigen Tourismus zu machen: „Der Öko-Tourismus könnte die Insel retten“, da ist sie sich sicher.

Wenn es nach Delphine Robbe geht, würde sie die Touristen gerne zur Nachhaltigkeit zwingen. Schon lange fordert sie eine Öko-Polizei, im Dorfkern und an Touristenorten. Seit 2000 gibt es eine Ökosteuer, umgerechnet etwa fünf Euro. In Zukunft aber könnte sie neue Innovationen im Öko-Tourismus unterstützen. Bis dahin entfernen die Freiwilligen täglich unentgeltlich Etiketten und Schraubverschlüsse von Plastikflaschen. Zusammengepresst in einen Quader wird der Müll an die benachbarte Insel Lombok verkauft.

Der Müll könnte eine neue Einnahmequelle neben dem Tourismus sein, erklärt Robbe, bevor sie mit ihrem Team in die Mittagspause geht, um weiter an ihrem Masterplan arbeiten, mit oder ohne Lottogewinn. „Das ist jetzt mein Zuhause, für das ich verantwortlich bin“, sagt die „Öko-Kriegerin“ und ein wenig später: „wir alle“.