Buen Vivir oder die Politik des guten Lebens

Nicht Reichtum oder Wirtschaftswachstum spielen in der Idee „Buen Vivir“ ihre Hauptrolle, sondern die Natur.

Ein bisschen haben sie Acosta alle belächelt. 2008, als Ecuador an der Klippe zu einer neuen politischen Ära stand. Der Ökonom und Bürgerrechtler Alberto Acosta leitete damals die verfassungsgebende Versammlung Seite an Seite mit dem zukünftigen Präsident Rafael Corea und schlug eine Wirtschafts- und Politikform vor, die abseits des klassischen Kapitalismus Ecuador prägen sollte.

2008 verankerte Ecuador „Buen Vivir“, „sumak kawsay“ oder zu deutsch: das gute Leben in seiner Verfassung. 2009 folgte Bolivien. Abgekupfert von dem Gedankengut der indigenen Einwohner der Anden bedeutet der neue Artikel 3 der Verfassung die materielle, soziale und spirituelle Zufriedenheit für alle Mitglieder der Gemeinschaft in Einklang mit einer schonenden Ressourcennutzung. Stellt man sich das westliche Konzept einer laufenden Wirtschaft wie ein aufsteigend geschlängelte Linie vor, würde „Buen Vivir“ wie ein Kreis aussehen, bei dem es ein ausgeglichenes Geben-und-Nehmen gibt. Sozial wie auch wirtschaftlich. In „Buen Vivir“ steckt neben dem Respekt vor dem Lebensprinzip der Ureinwohner Ecuadors, ein alternativer, nachhaltiger Entwicklungsansatz und eine große Portion Kapitalismuskritik.

Entgegen der westlichen, artistoteleschen Vorstellung nach dem eigenen Glück, soll „Buen Vivir“ die besten Lebensumstände für die gesamte Gemeinschaft bringen. Und das, ohne die Natur auszubeuten. Ecuador ist damit auch das erste Land, in dem die Natur gesetzlich verankert ihr eigenes Recht hat. Damit könnte der Regenwald die Menschen vor Gericht zerren, die ihn täglich abholzen. Theoretisch. Denn obwohl „Buen Vivir“ rund 20 Mal in der Verfassung aufgeführt ist, im ganzen Land „Buen Vivir“-Fahnen wehen und Rafael Coreas Wahlpropaganda zum Großteil auf „Buen Vivir“ basiert, heißt das nicht, dass die Idee so umgesetzt wird. „Eine Bürgerrevolution ohne Bürgerbeteiligung“ nannte Miriam Lang von der Rosa-Luxemburg Stiftung Buen Vivir heute. Es fehle schlicht an Beteiligungsmöglichkeiten für die eigentlich gute Idee. Viele Politiker lehnen das Konzept gänzlich ab.

Als „Unbekümmert“, „eine Romantisierung der indigenen Völker“ und sogar „Entwicklungs- blockierend“ kritisierten sie Alberto Acostas Vorschlag 2008. Doch der Ökonom und Bürgerrechtler ließ nicht locker. Nur wenig später kam der Ökonom mit der Idee der Yasuni ITT Initiative auf. Nach nur fünf Monaten als Energieminister verließ er die Regierung Coreas. Anstatt dessen reist er nun von Land zu Land, hält Vorträge über Buen Vivir und drückt seine Finger auf die Wunden der vermeintlich nachhaltigen Wirtschaftskonzepte. Noch sei das einzig Grüne der vermeintlichen green economy, so Acosta, der US-Dollarschein.