Botswana im Wahlschlaf

Ein paar Ziegen, hupende Minibusse, aufwirbelnder Staub, das ist so das Einzige was Lesego den ganzen Tag lang sah. Den müden Kopf in die Arme gestützt schaut sie aus dem khakifarbenen Zelt, das rund 50 Leute fassen könnte. Doch die erwartete Schlange blieb aus. Kein Einziger hat sich an diesem Donnerstag registrieren lassen. Während sich Botswana mitten im Wahlkampf befindet steht die Hitze still in einem Zelt am Rande von Maun. 

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Noch knapp drei Wochen können sich die Einwohner Botswanas registrieren lassen. Im Oktober wählen sie dann ein neues Staatsoberhaupt. Zumindest der Teil des Landes, der sich die Anreise zu einem der stationierten Registrierungszelten leisten kann, wo Studenten in blauer Uniform und Safarihüten die Demokratiebekundung entgegen nehmen.

„Wir ja eh Ian Khama“, sagt Lesego. Seit Wochen reist der Sohn des ersten Präsident, Seretse Kama, durch das Land, schüttelte Dorfältesten die Hände und verspricht der Jugend eine florierende Wirtschaft. Zur gleichen Zeit verkauft er die Hälfte der Diamantenminen an britische Firmen. Man sagt, dass er sich von dem Erwerb davon eine eigene Insel gekauft hat. Ob das wirklich stimmt, weiß niemand so wirklich. Genau so wenig wie warum Ian Kama mit seinen über 60 Jahren immer noch ledig ist.

Obwohl die Wahlen in Botswana als frei und fair gelten, haben die Leute dort oft nur eine Wahl. Seit der Unabhängigkeit 1966 dominiert die von Seretse Kama gegründete Democratic Party das politische Geschehen. Durch das britisch geprägte Mehrparteiensystem hat die zersplitterte Opposition kaum die Chance an die Oberfläche der Politik durchzudringen. Eine Kultur des Anzweifelns gibt es nicht. Die Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Themen ist laut Lesego eingeschlafen. Dabei gäbe es einiges zu tun.

Armut, Korruption und Jugendarbeitslosigkeit stehen ganz oben auf der Liste. Malaria und HIV durchfurchen den Wohlstand des Landes, in dem der Durchschnittsbürger vor zehn Jahren gerade einmal 31 Jahre alt wurde. Nach fast 20 Jahren kostenlosem Schulsystem teilt nun die Frage des Wohlstands wieder in Bildungsschichten. Noch immer ist es üblich, dass Kinder für ihre Familien arbeiten, anstatt das ABC zu lernen. Auch wenn man die höchste Bildung genossen hat, ist die Zukunft ungewiss. Endstation Jugendarbeitslosigkeit.

„Bevor ich in ein anderes Land gehen würde, würde ich jeden einzelnen Parlamentarier dort beim Namen kennen“

„Wie soll man denn 12 Jahre Arbeitserfahrung mitbringen, wenn man nicht mal einen Chance bekommt anzufangen?“, beklagt Lesego. Und weil die Familie auch kein Geld hat, um einen zukünftigen Arbeitgeber zu bestechen, bleibt sie nach einem Abschluss in Management arbeitslos. Für 22 Pula, umgerechnet 2,20 Euro am Tag, steht sie zehn Stunden täglich in dem muffigen Zelt. Jeden Tag auf dem Weg zu ihrer Arbeit läuft Lesego an dieser Lederjacke vorbei, schaut an sich herab, schluckt den Frust über den Vergleich, der medial über das Internet zu ihr schwappt und versucht es weiter. Aber noch mehr als Geld, die neuste Mode oder einen Fernseher wünscht sich Lesego etwas Sinnvolles zu tun. Endlich loszulegen.

Wenn sie dieses Land führen könnte, träumt sie und strahlt in die Leere des „Registrierungsbüros“, würde sie Firmen privatisieren, investieren und erst einmal eines schaffen: Häuser für Alte. Oft mittellos hocken diese bei Regen und Sturm unter nicht mehr als Bäumen und werden krank. Das ist keine Zukunft, die sie sich und ihrer Generation wünscht. Dinge müssen durchdacht werden. „Bevor ich in ein anderes Land gehen würde, würde ich jeden einzelnen Parlamentarier dort beim Namen kennen“. In einem anderen Land war sie noch nie. Die Reise in die Hauptstadt Gaborone war bis jetzt das Weiteste, was sie hinter sich gelassen hat. Dabei sei sie so neugierig, wie es hinter ihren Landesgrenzen aussieht. Irgendwann wird sie los ziehen, schwört sie, starrt nach draußen und schweigt. Irgendwann, wenn ein nächster Präsident ihr einen anderen Weg ermöglicht.

 

 

FOTO© Lothar Henke

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