Vergessene Nationalhelden

Plötzlich war Olexandr nicht mehr Held, sondern Invalide: Als einer von Hunderttausenden kämpft der Kriegsrückkehrer vergebens um Entschädigung.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf ZEIT Online am 13. August 2017

Es ist die zweite Nacht des Gefechts um den Flughafen Donezk, Oktober 2014. Olexandr Chub liegt in einer Garage inmitten von Geröll und versucht zu schlafen. Nach neun Stunden Schusswechsel ist es etwas ruhiger im Flughafengebäude. Kurz nickt der 28-jährige Soldat ein, bis ihn ein Tropfen von der beschlagenen Decke weckt. In der Ferne hört er Schüsse. Um zu sehen, was los ist, geht er nach oben. Im nächsten Moment explodiert eine Granate, genau an dem Ort, an dem er eben noch schlief.

“Wer ist verletzt?”, schreit Chub in den Rauch, er sieht nichts. Dann trifft ihn selbst ein Teil einer Mörsergranate einen Zentimeter über seinem Stiefelbund, zersplittert sein Schienbein. “Ich bin getroffen”, ruft er. Es ist seine letzte Erinnerung an den Tag, als ein Tropfen Kondenswasser sein Leben rettete.

Olexandr Chub meldete sich vor mehr als drei Jahren freiwillig für den Militärdienst beim Rechten Sektor, eine Freiwilligengruppe von überwiegend nationalistischen Soldaten. Seit Start des Ukraine-Krieges kämpft die Privatarmee auf der Seite der Regierungstruppen. Drei Tage lang verteidigte Chubs Armee im Sommer 2014 den internationalen Flughafen Donezk gegen prorussische Separatisten. Es war damals das Epizentrum des Krieges.Chub ist heute 30, trägt eine Glatze und ein T-Shirt mit einem Fahrrad, das wie ein Unendlichkeitszeichen aussieht. Er stottert seine Satzanfänge und beendet sie meist mit einer rhetorischen Frage, als wäre er es gewohnt, dass jemand seine Erzählung bestätigt: “Etwas passiert und du bist plötzlich mittendrin, hast Einfluss auf die Geschichte”, sagt er, “weißt du?”

 

Oleksandr Chub

Oleksandr Chub, ehemaliger Soldat im Gefecht um den Flughafen Donezk

Seit bald vier Jahren tobt der Ukraine-Krieg mittlerweile. Mehr als 10.000 Opfer hat er gefordert, 2,7 Millionen Binnenflüchtlinge haben ihr Zuhause verloren, fast täglich wird immer noch die Waffenruhe des Minsker Abkommens gebrochen. Allein von Januar bis August beziffert die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) über 339 zivile Opfer. Ein Anstieg von fast 50 Prozent zum Vorjahr. Vor allem um größere Städte wie Donezk käme es vermehrt zu Gewaltausbrüchen. Die Anhäufung von Waffen und Kräften in diesen Gebieten könne auf eine bevorstehende Zunahme der Gewalt hindeuten, sagt Alexander Hug, stellvertretender Leiter der Sonderüberwachungsmission in der Ukraine (SMM). Ein Tag, an dem keine Opfer aus dem Konfliktgebiet gemeldet werden, sei ein guter Tag, sagt Andriy Lysenko, Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Lysenko und Hug berichten in der ukrainischen Hauptstadt über den Fortgang des Krieges. In Kiew, rund 700 Kilometer von der Front entfernt, ist der Krieg vor allem durch die rund 300.000 Kriegsrückkehrer wie Olexandr Chub sichtbar. Seit den Gefechten um das Flughafengelände wird sein linkes Bein von zwei 30 Zentimeter langen Metallstäben zusammengehalten. Mehrere Wochen lag er im Krankenhaus. Ein halbes Jahr ging er auf Krücken. Er spricht von seinen “dunkelsten Monaten”, in denen er vergebens auf eine Unterstützung vonseiten der Regierung wartete. Bis heute bekommt er keine Invalidenrente: “Nur weil es ein Gesetz gibt, heißt das in der Ukraine nicht, dass du dich darauf berufen kannst.” Als Soldat hätte er immer Hilfe bekommen, sagt Chub. Plötzlich war er aber nicht mehr Nationalheld, sondern Invalide.

Andriy Lysenko, Sprecher des Verteidigungsministeriums in Kiew

Andriy Lysenko, Sprecher des Verteidigungsministeriums in Ki

 

Nach einem Bericht der Weltbank über die Situation von ukrainischen Veteranen vom Mai 2017 gaben zwei Drittel der Befragten an, kaum Aufmerksamkeit von der Regierung zu bekommen. Zurück in der Gesellschaft steht ihnen ein neues Gefecht bevor: der Kampf um staatliche Unterstützung. Bürokratische Hindernisse und Engpässe würden die Sozialversorgung blockieren, berichtet die Kyiv Post. Die Weltbank schätzt, dass seit Beginn des Jahres ukraineweit rund 450.000 Rückkehrern aufgrund umständlicher Verifizierungsanforderungen ihre Sozialleistungen vorenthalten wurden. Eine psychische Beeinträchtigung allein ist nicht Kriterium genug, um die Invalidenrente zu bekommen. Und selbst wer sie bekommt, hat kaum ausgesorgt: Ihr Höchstsatz beträgt umgerechnet 96 Euro. Trotz mehrfacher Nachfragen will sich die ukrainische Regierung gegenüber ZEIT ONLINE nicht öffentlich zu den Vorwürfen der Kriegsrückkehrer äußern.

 

Ivona Kostyna am Maidan, dort wo die Revolution für sie begann

Ivona Kostyna am Maidan, dort wo die Revolution für sie began

Es ist Nachmittag, Chub, der ehemalige Soldat, sitzt mit seiner Freundin im Halbschatten und isst Pizza. Während er spricht, tippt Iwona Kostyna immer wieder auf ihrem Smartphone. Die 20-Jährige half ihm beim Ausfüllen der Dokumente für die Rente, die er nie bekam. Sie ist Vizepräsidentin von Pobratymy. Die NGO kümmert sich um die Reintegration von Kriegsrückkehrern. Chub arbeitet nach seiner Genesung als Freiwilliger für Pobratymy. “Rechtlich müsste die Regierung sich um die Veteranen kümmern, aber es gibt einfach keine Kapazitäten dafür”, sagt seine Freundin. Sie spricht von einem kollektiven Trauma, für das die Regierung keine Lösung hat. Die ukrainische Zivilgesellschaft schon. Zumindest gibt es Projekte, die Hoffnung wecken.
In der Küche von Pizza Veterano arbeiten nur Kriegsdienstveteranen

In der Küche von Pizza Veterano arbeiten nur Kriegsdienstveteranen

Die Pizzeria, in der Chub sitzt, ist ein Ort, wo der Krieg zur Geschäftsidee umgemünzt wird: Das Banner von Pizza Veterano zeigt einen grinsenden Mann mit Schnurrbart auf Camouflagegrund und nach oben gestreckten Daumen. In der Küche der Restaurantkette arbeiten nur Veteranen. Für viele sei der Einstieg in die Arbeitswelt schwierig, sagt der Besitzer Leonid Ostaltsew. Es bleibe kaum Zeit zur Rehabilitation.

Bei Ostaltsew müssen alle Angestellten zwei Mal pro Woche mit einem Psychologen reden. Nur wenige Rückkehrer würden sonst über ihre Erfahrungen sprechen. Dabei ist das der einzige Weg mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung klarzukommen. Viele Arbeitgeber wären auch deshalb skeptisch, jemanden aus dem Konfliktgebiet einzustellen, sagt Ostaltsew. Eine Studie der kanadische NGOStabilization Support Service, die in Kooperation mit der britischen Botschaft entstand, bestätigt das gängige Stigma: 53 Prozent der Soldaten gaben selbst an, an einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu leiden. Deutlich mehr, 71 Prozent, der befragten Zivilisten würden den Rückkehrern allerdings eine psychische Einschränkung zuschreiben, die sie allein nicht lösen könnten.

Als Chub an einem anderen Tag in der Pizza Veterano sitzt, fragt ihn ein älterer Veteran, warum er kein Bier trinkt. “Weil es mir nicht gut tut”, entgegnet Chub. Viele seiner Kameraden, die vor dem Einsatz tranken, tun es nun umso mehr. Wie ein Brennglas sei der Krieg, sagt er. Er mache Probleme größer und deutlicher. “Drogen?” Chub schüttelt den Kopf. “Und schlafen?” Die Erinnerungen holen Chub nicht nachts ein, aber manchmal tagsüber.

 

Olekandr Chub beim wöchentlichen Training für die Invictus Games

Olekandr Chub beim wöchentlichen Training für die Invictus Games

Ein paar Straßen weiter vor einigen Monaten: An einer Kreuzung steigt ein älterer Mann aus einem Auto. Chub fährt Fahrrad. Im Vorbeifahren glaubt er die Krücken des Mannes seien Waffen. Chub schlägt ihn auf offener Straße nieder. “Ein Automatismus”, sagt er. Im Krieg müsse man eben schnell reagieren, “sonst geht man drauf”. Auch Chub litt unter Zügen einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Was half ihm? “Darüber reden”, sagt er, lächelt, und: “Sport”.

Nach seiner Genesung bewirbt sich Chub für die Invictus Games in Toronto, einen internationalen Wettbewerb im Invalidensport. In diesem Jahr ist es das erste Mal, dass die Ukraine antritt. Chub wird einer der 15 Teilnehmer. Gerade kommt das Team aus einem zweiwöchigen Trainingscamp zurück. Dort sprachen die Männer eines Abends erstmals von ihren Erfahrungen aus dem Krieg. Obwohl ihre Handicaps ständig präsent sind, scheint während des Trainings der Konflikt vergessen.

“Wir Ukrainer durften in der Vergangenheit nie stolz sein. Jetzt endlich haben wir die Möglichkeit”, sagt Chub. Er redet wie jemand, der seine Posttraumatische Belastungsstörung überwunden zu haben scheint. In der Ukraine ist er damit die Ausnahme